.RAW 13/4 Collection

.RAW 13/4 Thesis

projekt .RAW 13/4 Thesis (excerpt)
year 2012 / 13
origin Hamburg, Ger
client self published

Coole Hunde –
Analyse eines zeitgenössischen Lebensgefühls

I. Einleitung

Ein abgedunkelter Raum. Licht fließt nur bedingt durch schmale Schlitze der hinunter gelassenen Rollos des Arbeitszimmers von Humphrey Bogart alias Harry Morgan in „To Have and Have Not“ aus dem Jahre 1944. Die Tür öffnet sich; Bogart betritt geschäftig den Raum und bemerkt weder den Butler in der Ecke, noch sie. Groß, blond und ungeheuer lässig lehnt sie im Türrahmen zum angrenzenden Zimmer. Die Haare offen und in leichten Wellen über die Schultern fallend, im Hahnentritt-Kostüm, den Hut in der Hand, eine Zigarette im Mundwinkel. „Anybody got a match?“ tönt Lauren Bacalls alias Marie „Slim“ Brownings tiefe Stimme durch den Raum, was Bogart sich urplötzlich umdrehen lässt. Er blickt sie an, wirft ihr ein Päckchen Streichhölzer zu. Gelassen entnimmt sie der Packung ein Streichholz, blickt Bogart mit leichter Verachtung in die Augen, der die Hände in die Hüfte stemmt und sie mit einer Mischung aus Überraschung und zurück genommener Bewunderung beobachtet. Bildwechsel: Bacall – Bogart – der Butler und wieder Bacall, die das Streichholz entzündet, den Blick kurz hebt und Bogart noch einmal tief in die Augen schaut, bevor sie sich die Zigarette anzündet. Sie wirft das Streichholz hinter sich und wendet sich zum gehen. „Thanks.“ sagt sie leicht abschätzig und wirft Bogart das Päckchen Streichhölzer locker aus dem Handgelenk wieder entgegen. Dieser schaut ihr entgeistert nach. Das Geschehen wird von leiser Jazzmusik begleitet. Der erste Gedanke, der jedem Betrachter im Anschluss an diese Szene sowohl im Jahre 1944 als auch heute durch den Kopf gegangen sein mag ist wohl: „Ist die cool.“ Instinktiv vermag es uns zu dieser Reaktion auf die Selbstverständlichkeit im Verhalten der großen blonden Frau mit der tiefen Stimme, die gleichermaßen bedingt wird durch sowohl Haltung, Gestik, Mimik und dem Blick, den sie Bogart zuwirft, aber auch durch die Zigarette an sich, den abgedunkelten Raum und der leisen Musik im Hintergrund. Man stellt schnell fest: dass sich Bacall in dieser Szene äußerst cool verhält (was sie natürlich nicht von sich selbst aus tut, sondern ihr nach Erscheinen des Films zugeschrieben wurde; ein Phänomen zu einer Zeit in der solches Verhalten für Frauen noch äußerst unüblich war), ist eine Tatsache, darüber ist man sich schnell einig. Doch versucht man im nächsten Schritt diese Coolness zu definieren möchte man es im gleichen Moment auch schon wieder aufgeben. Eine eindeutige Definition des Begriffs ist schlicht und ergreifend unmöglich. Neben den vielen anderen Bedeutungen der aus Amerika importierten Zustimmung, Äußerung der Begeisterung aber auch Attitüde, ist Coolness unter anderem eine Haltung, gar eine Lebenseinstellung. Wurde diese sehr lange noch als ausschließlich männliche Eigenschaft betitelt, so ist sie spätestens nach der Veränderung des weiblichen Rollenverständnisses gleichermaßen für Männer und für Frauen zutreffend. Doch ist die Begrifflichkeit sowohl im Bezug auf ihre Herleitung in verschiedenste Kategorien einteilbar, so lassen sich auch bezüglich ihrer Verwendung im historischen Kontext Unterschiede fest stellen: „Coolness ist ein Begriff, der heutzutage einen maximalen Grad an Entleerung erreicht hat.“ schreibt Diedrich Diedrichsen in seinem gleichnamigen Werk Coolness. Ob dies tatsächlich der Fall ist, sei dahin gestellt. Tatsache ist jedoch, dass uns cooles Verhalten, was immer dieses auch im Detail ausmacht, in unserer heutigen, von ständiger Veränderung, Schnelllebigkeit, Oberflächlichkeit und von hohem Zufallsrisiko geprägten Zeit immer schwerer fällt. Eine kontemplative, von einer gewissen Grundordnung getragene Lebensweise schließt auf den ersten Blick nicht nur die Fähigkeit, in Mitten aller aktuellen Geschehnisse zu stehen, sondern gar das „Mitmischen“ hierbei vollkommen aus. Lässt sich beides doch auf eine gewisse Art und Weise vereinbaren? Und wenn ja: wie ist dies zu schaffen? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, möchte ich im Folgenden zunächst auf die begriffliche Herleitung des Wortes „cool“ im Allgemeinen eingehen und es anschließend schon in genauerer Definition als Charaktereigenschaft und Lebenseinstellung zunächst in die Geschichte eingliedern um letztendlich Bezug zum Werteverständnis der .R A W – Zielgruppe und der hierfür entwickelten Kollektion zu nehmen. … — wissenschaftliche Ausführung zum Thema Coolness: Begrifflichkeit, Historie, Aktualitätsbezug; Coolness in Kunst und Musik, Philosophie und Psychologie — … Lässig, Gelassen und trotzdem am Zahn der Zeit – so kleidet sich die .R A W Kundin nicht nur, so lebt sie auch. „ Ein gelungenes, ein gutes Leben bestehe darin, sich sich selbst zu zuwenden und die eigenen Fähigkeiten und Begabungen bewusst auszuprägen – immer im Bezug zur Außenwelt, aber ohne in der Welt der Dinge eine Kompensation für den eigenen Mangel an Selbstliebe zu suchen.“, zitiert Ina Schmidt den römischen Philosophen und Stoiker Seneca (1-65 n. Chr.) im Artikel Gelassenheit in der aktuellen Ausgabe der Hoheluft. An dieser Stelle wäre es diesbezüglich nun falsch zu glauben, angestrengt nach der eigenen Coolness suchen zu müssen. Lehnen wir uns doch einfach gelassen zurück, reflektieren das so eben gelesene und zünden uns eine Zigarette oder wahlweise auch eine Duftkerze an. „Anybody got a match?“ Hamburg, November 2012

.RAW — Graduation Collection

„Cool. People either have it or they don’t. It’s not manu-factured.“
(Marc Jacobs)

When I started designing this collection in mid 2012, I constantly had a special kind of woman in my mind: Strong, confident, cool. Her personality decisively defined the clothes she was wearing. She was supposed to look casual cool – yet elegant and well dressed but with a certain twink of an eye. What came out was an all over white womenswear collection embracing rawness in making and selection of fabrics as well as sportive pattern and high tech materials in contrast to felt and leathers. Besides concepting and designing, I focused on setting up a detailed marketing concept including target group analysis, visualization of a label and it’s corporate identity as well as a probable shop concept and pr strategies.